Diskurs zu den „Empfehlungen für Begrünungen mit gebietseigenem Saatgut“ der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. (FLL)

01.06.2015:

Der Artikel: „Wildpflanzensaatgut im Spannungsfeld des Naturschutzes“ mit kritischen Anmerkungen zum aktuellen Regelwerk FLL-Regio von Markus Wieden erscheint in NuL 47 (6), 2015, S. 181-190 (Artikel als pdf)

15.04.2015:

Antwort des VWW an die FLL vom 13.04.2015

Sehr geehrter Herr Rohrbach, sehr geehrter Herr Schulze-Ardey,

wir bedanken uns für die kritische Würdigung unseres Briefes und nehmen zur Kenntnis, dass Sie über unsere deutliche Kritik verwundert sind und sie in Teilen auch zurückweisen. Seien Sie aber zunächst versichert, dass wir das Werk nicht in Verruf bringen wollen, sondern mit deutlichen Worten auf entstehende Fehleinschätzungen darüber, was die genannten Mischungen im Regelwerk leisten können, hinweisen müssen. Die Kritik zielt auch nicht auf die FLL, deren normgebende Arbeiten wir sehr begrüßen. Wir haben versucht, alle Kritikpunkte sachlich vorzutragen, was wir in den von Ihnen vorgelegten Ausführungen der genannten Mitarbeiter des RWA zum Teil vermissen.

Unglücklich erscheint uns auch die Situation, dass die Herren Dr. Kunzmann und
Prof. Prasse in Personalunion als Autoren der DBU-Studie und in maßgeblich gestaltender Funktion im RWA auftreten, dessen Forum sie zur Übertragung ihrer Studie in ein Praxisregelwerk so wirksam für eigene Referenzen nutzen konnten.

Dass der VWW den RWA letztlich verlassen hat, ist vor allem auf das erhebliche Stimmen-Übergewicht einer Saatgutfirma im RWA zurückzuführen, so dass viele unserer eingebrachten Vorschläge von vornherein keine Zustimmungschance besaßen und wir so auch keinen Niederschlag unserer Mitarbeit in den vorgelegten Entwürfen erkennen konnten.

Einen Großteil der hier aufgeführten Argumente hat der VWW bereits im Rahmen der DBU-Studie mit den Autoren der Studie ausgetauscht, so dass wir bei ähnlicher Besetzung auch bei einer Neuauflage des RWA wenig Hoffnung haben, hier eine neue fruchtbare Diskussion anstoßen zu können.

Dennoch möchten wir Ihnen zeigen, dass uns an einer sachlichen Auseinandersetzung gelegen ist, indem wir die aufgeführten Argumente noch einmal in der beigefügten Anlage kommentieren. Auch für ein persönliches Gespräch stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Wieden
(Geschäftsführer VWW)

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 Anlage zum Schreiben des VWW an den FLL vom 13.04.2015

Erläuterung:
OFFENER BRIEF des VWW vom 30.01.2015 (in dunkelbraun und kursiv)
Auszüge aus der Detaillierten Stellungnahme des RWA „Gebietseigenes Saatgut“ in der FLL zu einzelnen Aspekten des „Offenen Briefs“ des VWW vom 02. 03. 2015 (in orange)
Erwiderung des VWW vom 13.04.2015 (in blau)

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit Frühjahr 2014 gibt die FLL ein Regelwerk heraus, das den Anspruch erhebt, für ganz Deutschland Mischungen zu beschreiben, die als Mindeststandard für Begrünungen in der freien Natur für fast alle Standorte geeignet sind.

Dies ist eine unberechtigte Feststellung -> hier können Sie online weiterlesen

Hier finden Sie den Text als pdf

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02.03.2015:

zur Seite des RWA Gebietseigenes Saatgut

FLL-Antwort auf „Offenen Brief“ des Verbands deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e. V. (VWW), pdf

Anlage zur FLL-Antwort auf den offenen Brief des VWW: Fachliche Stellungnahme, PDF (Dr. Frank Molder (RWA-Leiter), Prof. Dr. Rüdiger Prasse, Dr. Dierk Kunzmann (beide Mitglieder im RWA-Gebietseigenes Saatgut)

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31.01.2015:

Offener Brief des VWW an die FLL vom 30.01.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit Frühjahr 2014 gibt die FLL ein Regelwerk heraus, das den Anspruch erhebt, für ganz Deutschland Mischungen zu beschreiben, die als Mindeststandard für Begrünungen in der freien Natur für fast alle Standorte geeignet sind.

Der VWW hält diese Mischungen bis auf wenige Ausnahmen für nicht geeignet, einen Mindest­standard für naturnahe Begrünungen zu erfüllen. Die FLL-Mischungen werden über den ihnen zugedachten Zweck hinaus in naturschutzfachlich anspruchsvollen Bereichen eingesetzt, obwohl hier regional abge­stimmte, individuelle Mischungen weitaus zielführender sind.

Bisher wurden und werden von der FLL die „RSM RASEN“ herausgegeben. Jahrzehntelang wer­den darin Zuchtgräsermischungen wie die RSM 7.1-4 (auch) für den Einsatz in der freien Land­schaft empfohlen, obwohl die Ausbringung von Zuchtformen gegen das BNatSchG (§40.4) ver­stößt[1]. Die neuen Mischungen mit Wildpflanzen sind geeignet, den Einsatz von Zuchtformen zu reduzieren, indem sie die bisherigen RSM ersetzen könnten. Ihr immer häufiger zu beobachten­der Einsatz auf Ausgleichsflächen- und Extensivstandorten bedingt aber einen Verlust an Pflan­zenartenvielfalt, der auch zu weiteren Lebensraumverlusten für die Fauna beiträgt und die gesetzliche Funktion dieser Flächen verhindert oder nur in geringem Maße erfüllt.

Wir haben als Verband anfänglich an den Beratungen der FLL zur Erstellung des Regelwerks und der Mischungen teilgenommen und dies wegen mit unseren Statuten unvereinbaren System­mängeln des FLL-Regelwerks wieder aufgegeben.

Im Folgenden möchten wir einige wichtige Kritikpunkte (beispielhaft anhand der Region 21[2]) am neuen Regelwerk aufführen:

Fehlende Differenzierung der Mischungen: Mit 72 Mischungen für Deutschland wird scheinbar eine große Vielfalt und damit ein hoher Anpassungsgrad an die Individualität der Landschaften erreicht. Betrachtet man die Mischungen aber im Detail, so sind nur sehr wenige Arten an Diffe­renzierungen der Mischungen beteiligt:

Die Mischung für magere, basische Standorte weist von 37 Arten nur 5 auf, die sie alleine charakterisieren. Soll beispielsweise ein basischer Magerrasen angelegt werden, so sind unter diesen 5 Arten eine Frischwiesenart und 3 Saumarten. Nur Große Kammschmiele (Koeleria pyramidata) kann als einzige Art regelmäßig genutzter basischer Magerrasen gelten. Betrach­tet man die übrige Zusammensetzung, so sind 11 Arten mit denen der Feuchtstandorte identisch und 26 Arten mit denen der Grundmi­schung (incl. Überschnei­dungen mit Feuchtstandorten). Eine Standortanpassung wird damit nicht erreicht.

Dies gilt vergleichbar auch für andere Regionen. In der Nr. 11 (Südwestdeutsches Berg­land) sind z.B. 8 Arten aus­schließlich in der „Feucht“-Mischung vertreten. Davon sind aber Wiesenschwingel (Festuca pratensis), Gewöhnliches Rispengras (Poa trivialis) und Wie­senlieschgras (Phleum pratense) keine Arten typischer Feuchtstandorte. Von den verblei­benden 5 Arten sind nur 4 Arten in feuchtem Grünland einsetzbar, darunter keine Gräser, Seggen, Leguminosen, Binsen.

Fehlende Pflegeausrichtung: Die Mischungen sind auf keine Pflegevorgaben ausgerichtet. Die Ansaa­ten können 3-mal jährlich gemulcht oder nur alle zwei Jahre gemäht werden. Die FLL-Mischungen enthalten daher sowohl mahdtolerante Grünlandarten als auch mahdunverträgliche Saumarten. Nach der Ansaat ist eine größere Zahl der Arten verloren, da sie entweder nur unter Mahd (Mulchen) oder unter (Halb-)brache bestehen können. Die ohnehin wenig charakteristi­schen Ansaaten werden dadurch noch wesentlich artenärmer und uniformer. Die eingesetzten Kosten sind nicht effektiv genutzt.

Auch die Feuchtstandort-Mischung besteht aus Brache- und Wiesenarten. Die ‚Verwandlung‘ in eine „Hochstauden-Ufersaum“-Gesellschaft durch Zusatz von 2 Arten ist irreführend, da die vor­handenen Brachearten diese Funktion bereits übernehmen kön­nen. Zudem ist Rohrschwingel (Festuca arundinacea) als eine der beiden Zusatzarten eine Grünlandart (Flutrasen). Die „Ufermi­schung“ unterscheidet sich somit nicht nennenswert von der „Feuchtmischung“. Die angegebene Wahlmöglichkeit beschreibt eine Scheinvielfalt.

Fehlendes Mischungskonzept: Die Mischungen sind nur wenig nach den natürlichen Zusammen­set­zungen von Pflanzengesellschaften orientiert und enthalten kein erkennbares Konzept. So werden innerhalb des gleichen Standorttyps extreme Magerkeitszeiger und Nährstoffzeiger gemischt, z.B. bei Feuchtstandorten Teufelsabbiß (Succisa pratensis) mit Stickstoffzahl 2[3] und Rote Lichtnelke (Silene dioica) mit Stickstoffzahl 8, was nach der Aussaat zusätzlich zu einem Verlust von Arten führt, je nach­dem, ob ein Standort nährstoffreich oder –arm ist.

Naturferne Artenauswahl: Die Auswahl der Arten für die Mischungen widerspricht häufig den genann­ten Standorttypen. Hier einige Beispiele: Unter Mischung „feucht“ ist die dort aufge­führte frisch bis trocken stehende Wilde Möhre (Daucus carota) nicht nachvollziehbar. Warum befindet sich der nässe­liebende Sumpfhornklee (Lotus pedunculatus) in der Grundmischung zusammen mit Haarschwingel (Festuca filiformis), der aus Extremstandorten trockener Borst­grasrasen stammt und mit 17,5 % einen großen Teil der Mischung ausmacht? Warum ist die Weiße Lichtnelke (Silene latifolia ssp. alba) mit hohem Stickstoffanspruch ausgerechnet in den beiden Magermischungen vertreten? Die Rote Lichtnelke (Silene dioica) tritt in der Region 21 nur im Grünland der hohen Berg­lagen oder in Waldgesellschaften auf, wird aber in der Grundmi­schung und in der Feuchtmischung vorgeschlagen. Hopfenklee (Medicago lupulina) kommt nur in trocken-basischem Grünland vor, wird hier aber in der Grundmischung eingesetzt. Statt Schmal­blättriger Wiesenrispe (Poa angustifolia) wird das in Hessen natürlich kaum vorkommende Gewöhnliche Wiesenrispengras (Poa pratensis) aufge­führt.

Fehlende Arten: Die Auswahl der Arten für die Mischungen zeigt erhebliche Lücken bei typi­schen Arten. So fehlen z.B. Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), Kleiner Klappertopf (Rhinanthus minor) oder Ackerwitwenblume (Knautia arvensis). Noch gravierender ist die Anwendung des sogenannten Artenfil­ters nach den Ergebnissen eines DBU-Projektes[4]. Für Grünland zentrale Arten, wie Wiesenflocken­blume (Centaurea jacea), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Horstrotschwingel (Festuca nigrescens) oder Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis) fehlen. Auch besonders charak­teristische aber seltenere Arten, wie Knäuelglocken­blume (Campanula glomerata), Kleines Habichts­kraut (Hieracium pilosella) oder Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum) sind im Artenfilter geblockt. Der Artenfilter führt damit zu einer gra­vierenden Einschränkung für naturnahe Mischungen.

Einsatzbereich: Obwohl der Einsatz der neuen RSM-Regio-Mischungen, z.B. auf erosionsgefähr­deten Böschungen, einer standortgerecht zusammengestellten Mischung unterlegen sein muss, empfiehlt das Regelwerk der FLL (S. 19) den Einsatz der neuen Mischungen ausdrücklich „vor allem für Begrü­nungen mit vorwiegend ingenieurbiologischer Sicherungsfunktion“. Demgegen­über soll für „Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen“ und naturschutzfach­lich ähnlich anspruchs­volle Zwecke „Naturraumtreues Saatgut“[5] eingesetzt werden. Bliebe es streng bei dieser Anwen­dung, könnten noch viele Fehler im Naturschutz vermieden werden, aber das FLL-Regelwerk eröffnet folgende Möglichkeit für einen weiten Einsatzbereich (S. 19):

„Wenn kein naturraumtreues Saatgut verfügbar ist [..], kann in Abstimmung mit den zuständigen Fachbehörden auf den nächstbenachbarten Naturraum oder auf Regiosaat­gut[6] des entsprechenden Ursprungsgebietes[7] ausgewichen werden.“

Diese ausdrückliche Empfehlung der FLL dürfte, sofern keine Mähgutübertragung gewählt wird, in nahezu 100 % aller Fälle zutreffen, da innerhalb eines so kleinräumigen Systems, wie dem der in Deutschland auftretenden 502 (!) naturräumlichen Hauptein­heiten natürlich niemand wirt­schaftlich Saatgut in nennenswerter Menge anbieten kann. Das führt dazu, dass die RSM-Regio­mischungen nicht nur für den begrenzten Bereich ingenieurbiologischer Mischungen, sondern für nahezu alle Begrünungen in der freien Landschaft einge­setzt werden können.

Wir halten diese Empfehlung gemessen an der geringen Leistungsfähigkeit der Mischungen für natur­schutzfachlich schädlich. In dem Moment, wo zuständige Fachbehörden (= Naturschutzbe-hörden) ein­geschaltet werden, können die RSM-Regio-Mischungen durch an die örtlichen Anfor­derungen angepasste Mischungen ersetzt werden. Hierzu sind bei unseren Mit­gliedern eine Viel­zahl von Standardmischungen erhältlich; geschulte Berater stellen außerdem standortspezifische Mischungen zusammen.

Die RSM-Regio-Mischungen sollten nach unserer Auffassung grundlegend überarbeitet und für ihre Einsatzgebiete genau definiert werden. Hierzu bieten wir gerne unsere Mitarbeit an.

Mit freundlichen Grüßen

Markus Wieden
(Geschäftsführer VWW)

[1] z.B. in der RSM RASEN 2014 (S.31): „extreme Trockenlagen (Südböschungen, … Rohböden)…für Rekultivierungsflächen, … extensiv benutze und/oder gepflegte Flächen“
[2] Seite 84 des FLL-Regelwerks
[3] Ellenberg, Heinz (2001): Zeigerwerte der Gefäßpflanzen (ohne Rubus);- Scripta Geobotanica. – 18 (2001), H. (3. Aufl.), S. 9-166
[4] Prasse, R. et al. (2010): Entwicklung und praktische Umsetzung naturschutzfachlicher Mindestanforderungen an einen Herkunftsnachweis für gebietseigenes Wildpflanzensaatgut krautiger Pflanzen;- Abschlussbericht i.A. der DBU, AZ 23931, Univ. Hannover, Inst. f. Umweltplanung
[5] Bezugsraum ist die naturräumliche Haupteinheit nach Meynen und Schmithüsen (1962): Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands;- Bundesanstalt für Landeskunde und Raumforschung, Godesberg
[6] Die neuen RSM-Regio werden von der FLL als Regiosaatgut bezeichnet
[7] Ursprungsregion = Herkünfte (1-22 nach Prasse et al. 2010)

Brief als pdf

Anlage zum Schreiben des VWW an den FLL vom 13.04.2015

Erläuterung:
OFFENER BRIEF des VWW vom 30.01.2015 (in dunkelbraun und kursiv)
Auszüge aus der Detaillierten Stellungnahme des RWA „Gebietseigenes Saatgut“ in der FLL zu einzelnen Aspekten des „Offenen Briefs“ des VWW vom 02. 03. 2015 (in orange)
Erwiderung des VWW vom 13.04.2015 (in blau)

„Sehr geehrte Damen und Herren,

seit Frühjahr 2014 gibt die FLL ein Regelwerk heraus, das den Anspruch erhebt, für ganz Deutschland Mischungen zu beschreiben, die als Mindeststandard für Begrünungen in der freien Natur für fast alle Standorte geeignet sind.

Dies ist eine unberechtigte Feststellung.
Die EBGS 1 Die „Empfehlungen für Begrünungen mit gebietseigenem Saatgut“ werden im Folgenden als EBGS abgekürzt. empfehlen Regiosaatgut (Bezeichnung einer Herkunftsqualität!) als Mindeststandard für Begrünungen in der freien Natur, nicht jedoch bestimmte Artenmischungen (s Tab.1, S. 19).
Die EBGS beschreiben nicht für „fast alle Standorte“ Mischungen und stellen diesen Anspruch auch nicht.

Anm. 1: Die Feststellung, dass die FLL mit der RSM-Regio Mischungen für fast alle Standorte in allen Regionen eine Begrünungslösung anbietet und auch anbieten will, ist unbestreitbar. Neben frisch, mager basisch, mager sauer und feucht bleiben außer Salzstandorten, Schwermetallböden und ähnlichen Sonderstandorten, keine Standorte übrig, die nicht mit einer der 72 Mischungen bedacht werden könnten.

Der VWW hält diese Mischungen bis auf wenige Ausnahmen für nicht geeignet, einen Mindeststandard für naturnahe Begrünungen zu erfüllen.

Für naturschutzfachlich anspruchsvollere (naturnahe) Bereiche empfehlen die EBGS die Verwendung von naturraumtreuem Saatgut (z.B. Tab. 1,S. 19).

Anm. 2: Das sogenannte naturraumtreue Saatgut ist als Handelsware praktisch nicht existent. Auf der Ebene von 502 Naturräumlichen Einheiten kann niemand wirtschaftlich Saatgut produzieren und vorhalten, von einzelnen Vermehrungen für Großprojekte und natürlich Mähgutübertragung und Wiesendrusch, die in der Praxis nur eine sehr geringe Bedeutung haben, einmal abgesehen.

Für Begrünungen mit Regiosaatgut steht es jedem Anwender grundsätzlich frei, eigene Mischungen zu konzipieren, solange er sich im Rahmen des Regiosaatgut- und Regiopflanzgutkonzeptes (R+R) bewegt.
So verweisen die EBGS in Kap. 6.3 auf die Möglichkeit zur freien (an den Zielen und konkreten Umweltbedingungen orientierten) Gestaltung von Mischungen aus Regiosaatgut. Dies wird durch Hinweise auf die Möglichkeit zur Kombination der beiden Herkunftsqualitäten (Naturraumtreues Saatgut/Regio­saatgut) oder auch eine entsprechende Erweiterung der vorgeschlagenen RSM Regio ergänzt. Reine Regiosaatgut-Mischungen basieren immer auf der Positivliste des Artenfilters.

Anm. 3: Wer eigene Mischungen konzipieren kann, wird das i.d.R. auch tun. Die meisten Anwender werden aber die RSM-Regio zur Vereinfachung von Planungen nach folgendem Schema verwenden: Aus Standort x und Region y folgt FLL-Regiomischung z, die dann 1:1 in ein LV übernommen wird. Eine Beteiligung von Ökologen oder Naturschutzverwaltung ist scheinbar nicht mehr erforderlich. Bei Anwendung des Artenfilters werden zudem so viele charakteristische Arten in den Mischungen ausgeschlossen, dass eine Selbstbegrünung in vielen Fällen sinnvoller sein dürfte.

Die FLL-Mischungen werden über den ihnen zugedachten Zweck hinaus in naturschutzfachlich anspruchsvollen Bereichen einge­setzt, obwohl hier regional abgestimmte, individuelle Mischungen weitaus zielführender sind.

Wenn bestimmte Mischungen für Bereiche eingesetzt werden, die ihnen nicht zugedacht sind, dann ist die Kritik an den An­wender (inkl. Planer + Fachbehörde) und nicht an den Autor der Mischungen zu richten.

Anm. 4: Das ist sicher falsch. Das Regelwerk weist auf Seite 19 darauf hin, dass Regiosaatgut, z.B. in Form der RSM-Regiomischungen der FLL auch für naturschutzfachlich anspruchsvolle Projekte eingesetzt werden kann, wenn kein Saatgut aus dem Naturraum (nach der Gliederung in 502 Naturräume, siehe Anm. 2) vorhanden ist. Damit ist dieser Verwendungszweck von Anfang an mit angedacht und auch explizit beschrieben.

Wir geben dem VWW dabei auch zu bedenken, dass eine regional abgestimmte, individuelle Mischung auch die “Herkunft“ der eingesetzten Arten berücksichtigten muss. Das heißt, wenn eine Art durch den Artenfilter des R+R-Konzeptes ausgeschlossen wird, dann ist z.B. bei bestimmten erforderli­chen Zielarten Material zu verwenden, das aus dem Naturraum des Einsatzortes stammen muss.

Anm. 5: Der Artenfilter ist das Ergebnis einer Studie ohne eigene Felderhebungen. Die genetischen Kenntnisse über Wildpflanzen sind so fragmentarisch, dass daraus konkret abgeleitete Raumgrenzen oder Artenlisten nicht mehr als ein Vorschlag sein können. Die Nennung des Artenfilters als ein Instrument mit bindendem Charakter ist unrichtig. Es gibt dazu keine gesetzliche Festlegung. Außer­dem war der Artenfilter von Anfang an so angelegt, dass bei regionalem Vorkommen von Arten, diese auch verwendet werden können, wenn sie nur aus Verbreitungsgründen in der Region geblockt sind.

Bisher wurden und werden von der FLL die “RSM RASEN“ herausgegeben. Jahrzehntelang werden darin Zuchtgräsermischungen wie die RSM 7.1-4 (auch) für den Einsatz in der freien Landschaft empfohlen, obwohl die Ausbringung von Zuchtformen gegen das BNatSchG (§40.4) verstößt*.

* z.B. in der RSM RASEN 2014 (S.31): “extreme Trockenlagen (Südböschungen,Rohböden)…für Rekultivierungsflächen, extensiv benutzte und/oder gepflegte Flächen“

Die RSM Rasen verweisen schon seit mehreren Jahren nicht mehr auf einen Anwendungsbereich in der freien Landschaft. Die als Anwendungsbereich formulierten Standortbeispiele sind nicht zwangsläufig freie Landschaft.

Anm. 6: Dem stimmen wir zu. Die formulierten Beispiele sind nicht zwangsläufig freie Landschaft/Natur. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum eine normgebende Institution, die sonst immer eine enge Orientierung an bestehenden Gesetzen verfolgt, an dieser Stelle nicht auf die Beschränkung „ nur außerhalb der freien Natur einsetzbar“ verweist.

Der Hinweis auf das BNatSchG ist so nicht korrekt: Die An­wendung der RSM Rasen(-Landschaftsrasen) in der freien Natur verstößt noch bis März 2020 nicht grundsätzlich gegen das BNatSchG. lnnerorts sind die Mischungen auch nach 2020 zulässig.

Anm. 7: Dem stimmen wir zu. Der Hinweis hat die genannten Ausnahmen nicht berücksichtigt. Aller­dings kritisieren wir ja auch nicht die Anwendung unter begründeten Ausnahmen vom BNatschG, sondern die pauschale Empfehlung ohne Nennung der Ausnahmen.

Die neuen Mischungen mit Wildpflanzen sind geeignet, den Einsatz von Zuchtformen zu reduzieren, indem sie die bisherigen ersetzen könnten. Ihr immer häufiger zu beobachtender Einsatz auf Ausgleichsflächen- und Extensivstandorten bedingt aber einen Verlust an Pflanzenartenvielfalt, der auch zu weiteren Lebensraumverlusten für die Fauna beiträgt und die gesetzliche Funktion dieser Flächen verhindert oder nur in geringem Maße erfüllt.

Falls mit „die neuen Mischungen mit Wildpflanzen“ die RSM Regio gemeint sind: das stimmt, sie reduzieren den Einsatz von Zuchtformen in der freien Natur.
Für naturschutzfachlich. anspruchsvollere Bereiche empfehlen die EBGS die Verwendung von naturraumtreuem Saatgut und nicht die RSM Regio bzw. andere Regiosaatgut-Mischungen (s.o.).
Auf die Möglichkeit alternativer Mischungen/Mischungsva­rianten aus Regiosaatgut wird verwiesen. Bei spezifischen Zielarten, die als Regiosaatgut nicht verfügbar sind, ist auch eine Kombination mit auf Naturraumebene gewonnenem Saatgutmaterial möglich. Nicht jedoch mit Material, dass aus anderen Naturräumen stammt. Darauf wird in den EBGS aus­drücklich hingewiesen (so.).

Anm. 8: Der Verweis auf diverse Empfehlungen ändert nichts an der Tatsache, dass auf Seite 19 eine Freigabe für Regiosaatgut auf naturschutzfachlich anspruchsvollen Flächen unter Voraussetzungen erfolgt, die in aller Regel erfüllt sind, nämlich fehlendes Saatgut auf der Ebene der 502 Naturraumgruppen (siehe Anm. 4).

Wir haben als Verband anfänglich an den Beratungen der FLL zur Erstellung des Regelwerks und der Mischungen teilgenommen und dies wegen mit unseren Statuten unvereinbaren Systemmängeln des FLL-Regelwerks wieder aufgegeben. Im Folgenden möchten wir einige wichtige Kritikpunkte (beispielhaft anhand der Region 21) am neuen Regelwerk aufführen:

Die vorgetragenen Argumente lassen schließen, dass vom VWW einerseits weder das Regiosaatgut- und pflanzgut-Konzept durchdrungen noch die EGBS verinnerlicht worden sind. Andererseits werden von VWW-Mitgliedsfirmen z.T. „VWW- Regiosaaten“ angeboten, die den RSM Regio gar nicht so unähnliche Artenzusammensetzungen enthalten (wenn man von den Zusatzarten absieht, welche nach Artenfilter des R+R­Konzeptes geblockt sind).

Anm. 9: Da wir an beiden Konzepten intensiv beteiligt waren, weisen wir diesen herabwürdigenden Vorwurf zurück. Sofern von VWW-Mitgliedern Mischungen angeboten werden, die den FLL-Mischungen nicht unähnlich sind, werden sie dennoch in keinem Fall als Mindeststandard für alle Standorte bezeichnet.

 Fehlende Differenzierung der Mischungen: Mit 72 Mischungen für Deutschland wird scheinbar eine große Vielfalt und damit ein hoher Anpassungsgrad an die Individualität der Landschaften erreicht. Betrachtet man die Mischungen aber im Detail, so sind nur sehr wenige Arten an Differenzierungen der Mischungen beteiligt:
Die Mischung für magere, basische Standorte weist von 37 Arten nur 5 auf, die sie alleine charakterisieren. Soll beispielsweise ein basischer Magerrasen angelegt werden, so ist unter diesen 5 Arten eine Frischwiesenart und 3 Saumarten. Nur Große Kammschmiele (Koeleria pyramidata) kann als einzige Art regelmäßig genutzter basischer Magerrasen gelten. Betrachtet man die übrige Zusammensetzung, so sind 11 Arten mit denen der Feuchtstandorte identisch und 26 Arten mit denen der Grundmischung (inklusive Überschneidungen mit Feuchtstandorten). Eine Standortanpassung wird damit nicht erreicht.
Dies gilt vergleichbar auch für andere Regionen. In der Nr. 11 (Südwestdeut­sches Bergland) sind z.B. 8 Arten aus­schließlich in der “Feucht“-Mischung ver­treten. Davon sind aber Wiesenschwingel (Festuca pratensis), Gewöhnliches Ris­pengras (Poa trivialis) und Wiesenliesch­gras (Phleum pratense) keine Arten typischer Feuchtstandorte. Von den verbleibenden 5 Arten sind nur 4 Arten in feuchtem Grünland einsetzbar, darunter keine Gräser, Seggen, Leguminosen, Binsen.

Grundlegendes Ziel der Entwicklung der RSM Regio war eine Empfehlung von artenreichen, aber überschaubaren Mischun­gen mit breiter Nutzungs- und Standortamplitude und landschaftsbaulicher Eignung (vgl. Kap. 6.1.1). Der Einsatz und die Kombination verschiedener Arten orientiert sich daher nicht nur an der reinen, pflanzensoziologischen Lehre, sondern auch Entwicklungsgeschwindigkeit, Wuchsformen, ingenieurbiologische Wirkung und Vermehrbarkeit der verschiedenen Arten wurden mit berücksichtigt. Und auch der Artenfilter des R+R-Konzeptes führt hier zu Reglementierungen, die jedoch im Sinne einer fachlich notwendigen, regionstreuen Ausbringung von Herkünften zu beachten sind.

Anm. 10: Diese Aussage belegt den geringen Anspruch der RSM-Regio-Mischungen. Es sind viele Kompromisse einzugehen. Bei der „breiten Nutzungs- und Standortamplitude“ wäre es z.B. ehrlicher, statt 4 nur 2 Typen anzubieten, die wirklich nur für einfache Begrünungen v.a. an Verkehrswegen zu nehmen sind (alle anderen Anwendungsbereiche sollten dann aber ausgeschlossen werden). Das Kriterium Vermehrbarkeit (gemeint ist auch Verfügbarkeit) wurde nicht mit den Produzenten des VWW abgestimmt.

Nicht nur, aber in erster Linie geht es bei den RSM Regio darum, die „großen Baustellen“ (Gestaltungs­maßnahmen auf Verkehrswegeböschungen, Rekultivierungen etc.) zu bedienen, den dortigen, oft sehr kurzfristig handelnden Akteuren ein handhabbares Instrument zur Hand zu geben sowie den Wildpflan­zensaatgutproduzenten für diesen Markt mit z.T. großen Bedarfsmengen eine erste Marktentwicklung mit überschaubaren Artenportfolio zu ermöglichen. Wenn in diesem Bereich pragmatische Handhabbarkeit und Saatgutverfügbarkeit nicht gegeben sind, wird die Akzeptanz für gebietseigenes Saatgut leiden.

Anm. 11: Unsere Kritik zielt nicht auf das Instrument „RSM-Regio“, sondern auf den Inhalt. Die Handhabbarkeit wird durch die Berücksichtigung unserer Vorschläge nicht eingeschränkt. Mit Mischungen, die so breit angelegt sind, dass sie für alle Standortsituationen jeweils ein paar Arten enthalten, eine Akzeptanz für Wildsaatgut zu erzielen, ist zumindest fragwürdig. Nur zu bekannt sind die Bilder monoton vergraster Straßenböschungen, die aus artenarmen Ansaaten hervorgegangen sind. Mischungen „mit überschaubarem Artenportfolio“ können zudem besonders gut von Firmen mit Großpartien weniger Arten erstellt werden, deren Konzept sich nicht an standörtlicher Vielfalt orientiert sondern am Absatz von Saatgut über wenige uniforme Mischungen.

Die Auswahl der Arten in den RSM Regio erlaubt, dass sich die initiierten Bestände in der Folge entsprechend der konkreten Umweltbedingungen (incl. des Pflege- bzw. Nutzungsregimes) weiterentwickeln.
Bezogen auf die Anmerkung zur Feuchtmischung ist zu ergänzen, dass alle genannten Gräser-Arten in den meisten Regionen ihr Optimum im frischen und feuchten Grünland besitzen; die standörtlichen Varianten der RSM Regio erfordern nicht zwingend eine reine „Nasswiesen-Mischung. Entsprechend den EBGS können andere Arten der Positivliste ergänzt werden.

Anm. 12: Die eigendynamische Weiterentwicklung, d.h. die Entwicklung zu standortgerechten Beständen, dauert oft sehr lange oder ist nicht möglich, da die entsprechenden Arten nicht einwandern können.
Auch wird in der Antwort nicht auf die Feststellung eingegangen, dass mit 72 Mischungen eine Scheinvielfalt erzeugt wird, da untereinander nicht genügend Differenzierungen bestehen. Mit 20 oder 30 Mischungen hätte sich dasselbe Ziel erreichen lassen.

Fehlende Pflegeausrichtung: Die Mi­schungen sind auf keine Pflegevorgaben ausgerichtet. Die Ansaaten können 3-mal jährlich gemulcht oder nur alle zwei Jahre gemäht werden. Die FLL-Mischungen enthalten daher sowohl mahdtolerante Grünlandarten als auch mahdunverträgliche Saumarten. Nach der Ansaat ist eine größere Zahl der Arten verloren, da sie entweder nur unter Mahd (Mulchen) oder unter (Halb­)brache bestehen können. Die ohnehin wenig charakteristischen Ansaaten werden dadurch noch wesentlich artenärmer und uniformer. Die eingesetzten Kosten sind nicht effektiv genutzt.

Das Wesen einer Mischung mit breiter Nutzungs- und Standortamplitude ist nun mal eine breite Nutzungs- und Standortamplitude.
Mahdtolerante Arten und Saumarten kommen in vielen Grünlandgemeinschafen nebeneinander vor (es gibt auch nicht die mahdtoleranten und die mahdintoleranten Arten, hier herrscht ein Kontinuum und die Frage wie mahdtolerant eine Art ist, wird auch von den Umweltbedingungen beeinflusst. Eine im “Trockenen“ intolerante Art kann im “Feuchten“ durchaus “tolerant“ sein und umgekehrt).
Je nach Nutzung wird es zu entsprechenden Deckungsgradanpassungen bei der Artenverteilung kommen. Dass einzelne Arten ausfallen, ist nicht auszuschließen. Aber das ist auch bei artenreicheren, auf spezi­fische Sonderstandorte und bestimm­te Pflegeregime ausgerichteten und daher oft teureren Spezial­mischungen nicht auszuschließen.

Anm. 13: Hier stimmen wir zum Teil überein. Für den Spezialfall, dass weder über den Standort noch zur zukünftigen Pflege hinreichend Informationen vorliegen, sind breit angelegte Mischungen sinnvoll. Ob die FLL-Mischungen diese Anforderungen erfüllen, ist eine zweite Frage. An anderen Standorten sollten sie aber, anders als empfohlen, nicht eingesetzt werden. Wenn es ein Kontinuum zwischen Mahdtoleranz und Mahdunverträglichkeit gäbe, dann müsste es doch verwundern, dass es zwischen einer Glatthaferwiese und einer Möhren-Steinklee-Gesellschaft nur sehr wenige gemeinsame Arten gibt. Nachtkerze, Nickende Karde, Beifuß oder Steinklee sind diesem Kontinuum jedenfalls noch nicht beigetreten.

Auch die Feuchtstandort-Mischung besteht aus Brache- und Wiesenarten. Die ‘Ver­wandlung‘ in eine “Hochstauden-Ufersaum“­Gesellschaft durch Zusatz von 2 Arten ist irreführend, da die vorhandenen Brachearten diese Funktion bereits übernehmen können. Zudem ist Rohrschwingel (Festuca arundinacea) als eine der beiden Zusatzarten eine Grünlandart (Flutrasen). Die “Ufermischung“ unterscheidet sich somit nicht nennenswert von der “Feuchtmischung“. Die angegebene Wahlmöglichkeit beschreibt eine Scheinvielfalt.

Rohr-Schwingel wächst nach OBERDORFER 2001 in Uferwiesen, an Bächen und Gräben, an feuchten Wegen oder in gestörten Nassweiden (wg. letzterem wohl schwache Charakterart der Flutrasen). Die Art muss daher nicht unbedingt Bestandteil einer Feuchtwiesenmischung sein, ist aber als Ergänzungsart für Ufersäume durchaus geeignet.

Anm. 14: Der äußerst mahdtolerante Rohrschwingel lässt sich auch durch Zitate eines allgemeinen Bestimmungswerkes nicht zu einer geeigneten Saumart befördern. Auch wird mit der angeführten Argumentation nicht die Kritik an der Scheinvielfalt entkräftet.

Bei der vorgetragenen Kritik verwundert, dass im Katalog einer großen Mitgliedsfirma des VWW (in dem der VWW-Geschäftsführer und Unterzeichner des VWW-Briefes zudem als Experte aufgeführt ist), Rohr­Schwingel in Ufermischungen geführt wird, in der Feuchtwiesenmischung aber nicht.
Insgesamt enthalten die von VWW-Mitgliedsfirmen angebotenen „Produktionsraum-Mischungen“ in ihrer Mehrzahl ebenfalls ein breites Spektrum aus mahdverträglichen Arten sowie Saumarten in derselben Mischung. Auch VWW-Mitgliedsfirmen haben offensichtlich das Wesen der Mischungen mit breiter Nutzungs- und Standortamplitude verinnerlicht, damit die Artenzusammensetzung je nach Nutzung und Standort entsprechend reagieren kann.

Anm. 15: Zunächst ist der VWW nicht für die Mischungen seiner Mitgliedsbetriebe verantwortlich (auch nicht der Geschäftsführer als einer von vielen Beratern einer Mitgliedsfirma) und nimmt auch in keiner Weise Einfluss auf die Gestaltung derartiger Mischungen. Sicherlich sind in einzelnen Punkten auch diese Mischungen zu kritisieren. Man darf dabei aber nicht den Unterschied zwischen Katalogmischungen, die für unterschiedliche Zwecke und Kundenkreise konzipiert sind, und bundesweit normgebenden Mischungen übersehen, die einem viel höheren Prüfstandard unterliegen. Zudem bieten mehrere unsere Mitglieder Standardmischungen in ihren Katalogen an, die die Bedeutung der einzelnen Mischung im Vergleich zur FLL weiter relativiert.

Fehlendes Mischungskonzept: Die Mischungen sind nur wenig nach den natürlichen Zusammensetzungen von Pflanzengesellschaften orientiert und enthalten kein erkennbares Konzept.
So werden innerhalb des gleichen Standorttyps extreme Magerkeitszeiger und Nährstoffzeiger gemischt, z.B. bei Feuchtstandorten Teufelsabbiß (Succisa pratensis) mit Stickstoffzahl 2* und Rote Lichtnelke (Silene dioica) mit Stickstoffzahl 8, was nach der Aussaat zusätzlich zu einem Verlust von Arten führt, je nachdem, ob ein Standort nährstoffreich oder -arm ist.
*Ellenberg, Heinz (2001): Zeigerwerte der Gefäßpflanzen (ohne Rubus);- Scripta Geobotanica.- 18 (2001), H. (3. Aufl.), S. 9-166

Zum Konzept der RSM Regio s.o. oder die entsprechenden Ausführungen der EBGS Kap. 6.6.1 u.6.6.2.
Es ist nicht Ziel der RSM Regio, überhaupt von Regiosaatgut­-Mischungen, in ihrer Gänze Pflanzen­gesellschaften, die sich zudem mit der Nutzungsgeschichte in Mitteleuropa permanent ändern, nach­zubauen. Das ist nicht praktikabel und auch we­nig sinnvoll, da sich Pflanzengesellschaften nicht allein über die Aussaat, sondern vor allem über die nachfolgenden biolo­gischen Interaktionen entwickeln. So ein Ziel wird auch nicht im R+R-Konzept verfolgt.

Anm. 16: Sich nicht an dem Gefüge von Pflanzengesellschaften zu orientieren, halten wir für eine fachlich nicht begründbare Vorgehensweise. Auch unter ingenieurbiologischen Betrachtungen ist es sinnvoll, häufig miteinander vergesellschaftete Arten zu bevorzugen und Mischungen anzustreben, die von Natur aus spontan gebildet werden. Pflanzengesellschaften besiedeln mit weitgehend gleich­bleibender Artenkombination seit vielen Jahrhunderten die unterschiedlichsten Standorte. Eine permanente Änderung der Artenzusammensetzung und definierten Einheiten ist nicht festzustellen. Verarmung durch Eutrophierung oder Verbrachung sind keine Änderungen an der Zielgesellschaft. Auch klimatische Einflüsse verschieben überwiegend nur die Arealgrenzen bestehender Einheiten. Die Zu- oder Abwanderung einzelner Arten ist, von invasiven Neophyten abgesehen, bisher kein relevanter Einfluss auf Pflanzengesellschaften.

Über die Verwendung von einzelnen Arten in Saatgutmischun­gen lässt sich – auch unter Experten – sicher trefflich streiten. Auch über die im Schreiben des VWW – als Beispiel für ein fehlendes Mischungskonzept – kritisierte gemeinsame Ver­wendung von Teufelsabbiss und Roter Lichtnelke in einer Feucht-Mischung.
Es verwundert jedoch sehr, dass im Katalog einer großen Mitgliedsfirma des VWW (s.o.), genau solche Mischungen mit Teufelsabbiss und Roter Lichtnelke angeboten werden. Während die RSM Regio der FLL in vier von 22 Ursprungsgebieten diese Kombination vorschlagen, wird sie im o.g. Katalog in sieben von acht sogenannten Produktionsräumen angeboten! Nicht nur, dass der VWW hier fachliche Kritik an den EGBS übt, der er selbst nicht gerecht wird.

Anm. 17: Wir verweisen auf Anm. 15. Auch einzelne Mischungen von Mitgliedsbetrieben können kritisch betrachtet werden. Sie sind hier aber nicht Thema und nicht vergleichbar, da sie in keiner Weise einen universellen Charakter besitzen, der entsprechend einem Regelwerk wie dem der FLL zukommt.

Problematisch und wirklich schädlich wird es vor allem dadurch, dass VWW­Mitgliedsfirmen regelmäßig auf Produktionsraumebene seltene Arten in „regionale“ Mischungen hineinmischen; also Arten, die in den betreffenden Ursprungsgebieten nicht positiv gelistet sind (lt. Artenfilter) und teilweise in den Einsatz­gebieten großflächig nicht vorkommen. Es bleibt hier festzustellen, dass die Vorgehensweise des des VWW bei der Vermarktung von Wildpflanzensamen nicht den Grundlagen des Regiosaatgut- und Regiopflanz­gutkonzeptes entspricht. Es ist außerdem kaum vorstellbar, dass diese Vorgehensweise mit den Länder­fach­behörden abgestimmt wurde, da so einer Verfälschung von Arealen auf Artebene Vorschub geleistet wird.

Anm. 18: Hier werden der Artenfilter und die DBU-Studie wieder überschätzt. Es ist ein empfehlendes Instrument für den Fall, dass keine naturschutzfachlichen Kenntnisse vorliegen. Dagegen sind unsere Mitgliedsbetriebe in der Lage, die Verbreitung und Eignung von Arten zu beurteilen und für die Mischungen verantwortungsbewusst auszuwählen. Eine schädliche Wirkung bei Missachtung des Artenfilters ist weder belegt noch prognostizierbar. Viele Ausschlüsse entstehen allein dadurch, dass nicht alle Vorkommen in Karten dokumentiert sind oder ehemalige Vorkommen wegen intensiver Landnutzung ausgefallen sind. Anders als bei der Erstellung des Artenfilters, bei dem nicht einmal alle Ländervertreter zugegen waren, wird der Einsatz von Mischungen der VWW-Mitglieder für natur­schutzfachliche Kompensationsmaßnahmen praktisch immer von behördlichen Vorgaben oder Abstimmungen begleitet.

Naturferne Artenauswahl: Die Auswahl der Arten für die Mischungen widerspricht häufig den genannten Standorttypen. Hier einige Beispiele:
Unter Mischung “feucht“ ist die dort aufgeführte frisch bis trocken stehende Wilde Möhre (Daucus carota) nicht nachvollziehbar.
Warum befindet sich der nässeliebende Sumpfhornklee (Lotus pedunculatus) in der Grundmischung zusammen mit Haarschwingel (Festuca filiformis), der aus Extremstandorten trockener Borstgrasrasen stammt und mit 17,5 % einen großen Teil der Mischung ausmacht?

Die Wilde Möhre (Daucus carota) nimmt eine weite Standortamplitude ein. Sie kommt vor auf trockenen Schotterfluren und basenreichen (versaumten) Halbtrockenrasen, wird weiter als eine typische Art der frischen bis feuchten (nicht nassen) Tal­-Glatthaferwiesen und auch der wechselfeuchten Auenwiesen (z.B. Cnidion, auch in Bachauen) geführt. Diese Aussage gilt zumindest für die Ursprungsgebiete 1, 2, 3, 4, 6, 22, aber auch 5 und 9 (vgl. PREISING et al. 1997, S. 86f).

Anm. 19: Dass die Möhre im Cnidion, einer der seltensten Pflanzengesellschaften in Deutschland auftritt, kann kaum ein Grund dafür sein, sie in Standardmischungen der Region 21 einzusetzen, in der das Cnidion überhaupt nicht vorkommt. Auch in den übrigen Regionen steht sie nur frisch bis trocken. Wenn Feuchtwiesenmischungen neuerdings auch an Trockenstandorten funktionieren müssen, dann ist die Möhre natürlich sinnvoll eingesetzt.

Der Haar-Schwingel (Festuca filiformis) ist von Landesexperten als eine Feinschwingel-Art saurer bzw. basenarmer Standorte im Regiosaatgut akzeptiert worden. Diese Art wächst zusammen mit Lotus pedunculatus in trockenen Calluna-Heiden, in Feuchtheiden, in trockenen und wechselfeuchten Borstgras­rasen und in Pfeifengraswiesen, z.B. auf Podsol, Gley, Nieder-und Hochmoor im nordwestdt. Tiefland (s. PEPPLER-LISBAcH & PETERSEN 2001), z.B. Tab. 6, S. 64). Gern kommt die Art mit Agrostis canina zusammen vor. lngenieurbiologisch ist also an einem Verbleib von F. filiformis in der Grundmischung nichts auszusetzen, wenn es z.B. um Böschungsbegrünungen eher saurer Standorte geht.

Anm. 20: An dieser Erläuterung zeigt sich am deutlichsten, dass die Auswahl der Arten für die FLL-Regio-Mischungen nicht an deren Standorteignung ausgerichtet wurde. Einerseits wird das Vorkommen von Haarschwingel in den extremsten Standorten für Gefäßpflanzen, die wir kennen (trockene Calluna-Heiden, Feuchtheiden, Borstgrasrasen, Pfeifengraswiesen und Hochmoore) bestätigt, anderseits wird diese langsam wachsende und konkurrenzschwache Art dennoch in hohen Prozentsätzen in der Grundmischung eingesetzt und auch noch mit ingenieurbiologischen Funktionen begründet. Auch den Einsatz von Sumpfhornklee mit dem fraglichen Vorkommen in Trockenheiden begründen zu wollen ist irreführend. Da für uns die genannten fachlichen Gründe nicht nach­vollziehbar sind, stellt sich die Frage, welche anderen hier nicht genannten Gründe gegeben sind.

Warum ist die Weiße Lichtnelke (Silene latifolia ssp. alba) mit hohem Stickstoffanspruch ausgerechnet in den beiden Magermischungen vertreten?
Die Rote Lichtnelke (Silene dioica) tritt in der Region 21 nur im Grünland der hohen Berglagen oder in Waldgesellschaften auf, wird aber in der Grundmischung und in der Feuchtmischung vorgeschlagen.

Die Weiße Lichtnelke tritt z.B. in Hessen in mageren, artenarmen Grünlandgemeinschaften auf, die gemulcht bzw. unregelmäßig genutzt werden und Verbrachungstendenzen zeigen. Sie bildet dort oft einen der wenigen Blühaspekte.

Anm. 21: Die Weiße Lichtnelke mag gelegentlich in gemulchten Beständen auftreten, da sie sich in halbruderalen Stadien gut regenerieren kann. In nährstoffarmen Situationen kann sie sich, anders als behauptet, nicht durchsetzen.

Die Rote Lichtnelke ist im UG 21 ausreichend verbreitet (Artenfilter!) und nach wie vor eine Art der frischen und feuchten Säume, der frischen bis feuchten Bergwiesen und geht in Niedersachsen bis in die Wiesen der Börde (subkollin). Ohne Frage fehlt die Art (heute) meist in warmen und trocken-frischen Wiesen tieferer Lagen, stockt aber ruderal in vielen Kiesgruben, am Rand von Auewiesen, Auewäldern etc. (s. DRACHENFELS 2011, S. 260; BURKART et al. 2004, Tab. 4) (->Silene dioica geht gern nach Bodenverletzung in Feuchtwiesen aus der Samenbank auf).

Anm. 22: Die Rote Lichtnelke ist in der Region 21 verbreitet, aber bis auf die Hochlagen nur in Wäldern und Schattsäumen. Offensichtlich wurden regionale Kenntnisse nicht ausreichend berücksichtigt, um angepasste Mischungen zu konzipieren. Gerade hier konterkariert sich der Einsatz des Artenfilters und bewirkt das Gegenteil des Behaupteten: Eine Art, die in den Glatthaferwiesen flächenhaft fehlt, wird flächendeckend eingesetzt, Arten die dagegen typischerweise vorkommen, werden wegen kleiner Datenlücken oder Fehlen, z.B. in Hochlagen, komplett ausgeschlossen.

Hopfenklee (Medicago lupulina) kommt nur in trocken-basischem Grünland‘ vor, wird hier aber in der Grundmischung eingesetzt.

Hopfenklee ist nach OBERDORFER (2001) verbreitet in Kalkmagerasen, in trockenen Fettwiesen, an Wegen, Dämmen und Erdanrissen (+/- nährstoffreich) und ist daher auch in der Grundmischung sehr gut aufgehoben.

Anm. 23: Auch hier gilt die Anm. 22. In der Region 21 gibt es nur kleinere Gebiete mit Kalkvorkommen. Selbst in den basenreichen Basaltwiesen fehlt die Art praktisch vollständig. Ein Einsatz in der Grundmischung ist nicht zu rechtfertigen.

Statt Schmalblättriger Wiesenrispe (Poa angustifolia) wird das in Hessen natürlich kaum vorkommende Gewöhnliche Wiesenrispengras (Poa pratensis) aufgeführt.

Viele floristische Kartierungen haben in der Vergangenheit Poa angustifolia nicht ausdifferenziert und unter Poa pratensis agg. mit erfasst. Daher sind die wirklichen Vorkommen im Einzelnen in Abstimmung mit den beteiligten Landesfachbe­hörden zu prüfen. Dies ist in einigen Bundesländern schon erfolgt.

Anm. 24: Wenn die wirklichen Vorkommen zu prüfen sind, bleibt unerklärt, warum das Gewöhnliche Wiesenrispengras dann flächendeckend eingesetzt werden soll.

Fehlende Arten: Die Auswahl der Arten für die Mischungen zeigt erhebliche Lücken bei typischen Arten. So fehlen z.B. Wiesenker­beI (Anthriscus sylvestris), Kleiner Klapper­topf (Rhinanthus minor) oder Ackerwitwen­blume (Knautia arvensis). Noch gravierender ist die Anwendung des sogenannten Artenfilters nach den Ergebnissen eines DBU­-Projektes. Für Grünland zentrale Arten, wie Wiesenflockenblume (Centaurea jacea), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Horstrotschwingel (Festuca nigrescens) oder Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis) fehlen. Auch besonders charakteristische aber seltenere Arten, wie Knäuelglockenblume (Campanula glomerata), Kleines Habichtskraut (Hieracium piosella) oder Karthäusernelke (Dianthus carthusianorum) sind im Artenfilter geblockt. Der Artenfilter führt damit zu einer gravierenden Einschränkung für naturnahe Mischungen.

Obwohl das Regiosaatgut- und pflanzgut-Konzept von Mitgliedern des VWW über Jahre begleitet wurde, wird es bewusst oder unbewusst missverstanden.

Anm. 25: Im VWW wurde an den Funktionen und Absichten des Konzeptes nichts missverstanden. Der VWW hat das Konzept immer kritisiert aber keinen Einfluss auf die Ausformung des Konzeptes ausüben können. Fachliche Kritik sollte nicht als persönliches Unvermögen diskreditiert werden.

Fachlich gute Vorschläge des VWW, welche die Randbedingungen des Artenfilters einhalten, werden weiterhin gern geprüft. Arten wie Knautia arvensis könnten Bestandteil der RSM Regio-Mischung sein, was bei Listenüberarbeitungen im Rahmen der ersten Überarbeitung der EBGS berücksichtigt wird. Wiesen­kerbel ist nach OBERDORFER 2001 eine Art der frischen bis feuchten Fettwiesen und als Stickstoff- und Güllezeiger bekannt. Unter mesotrophen Bedingungen wird er schnell auf schattigere Standorte verdrängt. Die Grundmischung der RSM Regio zielt ab auf mäßig bis betont frische, magere bis meso­phile Grünlandbestände mit geringem Pflege- und Nutzungsdruck. Zumindest für weite Bereiche der süd­deutschen UG ist Wiesenkerbel daher keine geeignete Art für die RSM Regio. Für Norddeutschland wäre dies zu prüfen.
Sicherlich interessante (u.a. weil potenziell den Gesamtaufwuchs verringernde) Halb-Parasiten wie der KI. Klappertopf sind in der Vermehrung und Vorhaltung von Saatgut oft kritisch, da bei einigen Arten der Gattung nur kurze Keimfähigkeitsdauer (kurzlebige Samenbank) besteht. Dieser Sachverhalt wird von uns weiter beobachtet.
Im Zuge der Aggregatsauflösung im Artenfilter von Festuca rubra kann ein Datenbankfehler passiert sein, so dass F. nigrescens und F. rubra nicht gelistet werden. Ob tatsächlich F. nigrescens in UG21 häufig ist oder doch eher F. rubra bliebe durch externe Fachexperten zu prüfen. Je nach Ergebnis einer solchen Fachexpertise kann entschieden werden, ob F. nigrescens im Rahmen der ersten Überarbeitung der EBGS aIs Empfehlung in den Mischungen erscheinen sollte. Dieser Sachverhalt wird von uns geprüft.
Alle übrigen vorgeschlagenen Arten, die nach den Ergebnis­sen des Artenfilters „negativ“ sind (UG21), wurden intensiv von Fachexperten aus Hessen und Bayern diskutiert und bewertet. Gründe für die Ablehnung sind u.a. unter „ungeeignete Arten“ im Artenfilter abrufbar und dem VWW als damaligen Koopera­tionspartner des Universitätsprojektes zum R+R-Konzept seit langem bekannt. Die genannten Arten sind gefährdet, zu selten, taxonomisch schwierig zu unterscheiden und deren Nutzung im Rahmen von Regiosaatgut nicht zielführend, z.T. nicht zu verantworten. So werden insbesondere die geographische Variation der Centaurea jacea bei pauschaler Ausbringung nicht angemessen adressiert und schon jetzt bringen die Produzenten von “Wildpflanzen“ vielfach in ihren Anzuchtbetrieben entstandene Hybriden zwischen Centaurea jacea und anderen Arten der Gattung aus.

Anm. 26: Eine hohe innerartliche Vielfalt findet sich bei vielen Arten. Vor diesem Hintergrund müsste die Erstellung von Saatgutmischungen aus Wildpflanzen komplett eingestellt werden. Erstaun­licherweise behalten aber viele Anpassungsformen unterhalb der Artebene ihre genetische Eigen­ständigkeit, obwohl ein ausreichender Genfluss besteht (vgl. z.B. Becker, U. et al. 2008)2 Becker,U., Dostal,P., Jorritsma-Wienk,L.D., Matthies,D. (2008): The spatial scale of adaptive population differentiation in a wide-spread, well-dispersed plant species. – Oikos 117: 1865-1873, selbst wenn sie nur in geringem Abstand nebeneinander wachsen. Daher führen neue Genotypen in der Nach­barschaft nicht gleich zur genetischen Vermischung und schon gar nicht zur Verdrängung eines ganzen Ökotyps, auch da die Einbringung immer nur lokal und punktuell stattfindet (vergl. Anm.27). Die beiden Unterarten von Centaurea jacea ( ssp. jacea und ssp. angustifolia) sind leicht zu unterscheiden und werden von unseren Vermehrungsbetrieben seit langem beachtet. Ja sogar unterschiedliche Herkünfte aus Feucht- oder Frischwiesen werden bei einigen Mitgliedern getrennt angebaut. Bastardierungen mit Centaurea nigra sind gut erkennbar (Centaurea pratensis-Komplex). Wenn solche Mischtypen in Anbaubeständen auftauchen, werden sie nur noch lokal eingesetzt oder nicht verwendet. Die Behauptung, es wären vielfach Hybriden in den Anbaubetrieben vorhanden, weisen wir als unhaltbare Behauptung und als Versuch, die Arbeit unserer Mitglieder zu diskreditieren, zurück.

Die Entscheidung, welche Art Teil einer Regiosaatgutmischung sein darf, wurde nicht im RWA „Gebiets­eigenes Saatgut“ getroffen, sondern bis zum Frühjahr 2010 durch Botaniker über die Ländergrenzen hinweg im Rahmen des R+R-Konzeptes erarbeitet. Die sogenannten geblockten Arten sollten dann in Abstimmung mit den Fachbehörden nur auf Naturraumebene transferiert werden (s. EGBS).
Ergeben sich für die geblockten Arten in Zukunft andere Erkenntnisse, so ist es durchaus möglich, dass diese auf die Positivlisten geraten. Für die Arten- bzw. Sippengruppen um Centaurea ‘jacea‘ und Campanula rotundifolia erscheint dies allerdings für die meisten Herkunftsregionen als unwahrscheinlich (auf Ebene der Produktionsregionen sogar unmöglich!).

Wir halten diese Empfehlung gemessen an der geringen Leistungsfähigkeit der Mischungen für naturschutzfachlich schädlich.

Angesichts der vielen im „Offenen Brief‘ des VWW geführten falschen Anschuldigungen und z.T. peinlichen Missinterpretationen sowohl des R+R-Konzeptes als auch der EBGS können wir eine solche Schluss­folgerung nicht nachvollziehen. Nach Auffassung des RWA „Gebietseigenes Saatgut“ ist dagegen als tatsächlich naturschutzfachlich schädlich einzustufen, dass der VWW vorschlägt (und Mitgliedsfirmen es teilwei­se auch so praktizieren), Arten, die auf der geographischen Ebene der Herkunftsregionen des R+R-Konzeptes ausgeschlossen sind, dennoch und teilweise auf sogar noch größerer geographischer Ebene (Produktionsräume) auszubringen. Die Strategie des VWW besonders artenreicher „Spezial­mischungen“ muss aus Sicht der Biodiversität und des Artenschutzes zwangsläufig ins Leere laufen, wenn dabei gebotene Grundlagen der Herkunftstreue missachtet werden.

Anm. 27: Auch hier müssen wir die persönliche Herabwürdigung zurückweisen. Außerdem bezweifeln wir, dass hier wirklich für den gesamten RWA gesprochen wird. Wenn sich Mitglieder des VWW nicht an den Artenfilter halten, ist das, wie schon mehrfach angesprochen, nicht automatisch schädlich für die Natur. Wir können nicht ausschließen, dass der Einsatz von Wildpflanzensaatgut in Einzelfällen punktuell zu genetischen Beeinflussungen auf den Nachbarflächen führt, wie es auch bei natürlichen Artverdriftungen erfolgt. Da es sich immer um das Treffen nachbarlich ähnlicher Genotypen handelt, schätzen wir die genetische Belastung für sehr gering ein, die gesamtökologischen Positiveffekte dagegen für sehr hoch. Artenreiche Mischungen laufen daher nicht ins Leere sondern erzeugen in kürzester Zeit hochdifferenzierte Pflanzengesellschaften, die von einem Vielfachen an Tierarten besiedelt werden können.

In dem Moment, wo zuständige Fachbehörden (= Naturschutzbehörden) eingeschaltet werden, können die RSM-Regio-Mischungen durch an die örtlichen Anforderungen angepasste Mischungen ersetzt werden. Hierzu ist bei unseren Mitgliedern eine Vielzahl von Standardmischungen erhältlich; geschulte Berater stellen außerdem standortspezifische Mischungen zusammen.

Wie allgemein bekannt ist, sind Naturschutzbehörden bei solchen Verfahren in der Regel von Vorneherein (ab Genehmigungsplanung) involviert. Sie formulieren z.B. die entsprechenden Maßgaben in den Genehmigungen.
In dem Moment, wo zuständige Fachbehörden bei naturschutzfachlich anspruchsvollen Begrünungen anstatt zu naturraumtreuem Saatgut (Empfehlung der EBGS) zu Mischungen größerer Herkunftsbereiche „beraten“ werden, ist das bezüglich der Biodiversität ein Qualitätsverlust.
In dem Moment, wo zuständige Fachbehörden bei geplanten Begrünungen mit RSM Regio (nach EBGS keine Empfehlung bei naturschutzfachlich anspruchsvollen Projekten) zu standörtlich und nutzungsspe­zifisch besser angepassten Mischungen beraten werden, ist das ein Qualitätsgewinn für die Begrünung, solange diese Mischungen den Vorgaben des R+R-Konzeptes entsprechen.

Anm. 28: Wiederum wird deutlich, dass Naturschutz nicht mehr ohne den Artenfilter und sein Praxiswerkzeug, die „Empfehlungen für Begrünungen mit gebietseigenem Saatgut“ gedacht werden soll. Wir bewerten es als unhaltbar, auf dieser Grundlage Naturschutzmaßnahmen zu bewerten (Qualitätsgewinn- oder -Verlust), da es keine hinreichenden Kenntnisse für derartige Beurteilungen gibt.

Die RSM-Regio-Mischungen sollten nach unserer Auffassung grundlegend überarbeitet und für ihre Einsatzgebiete genau definiert werden. Hierzu bieten wir gerne unsere Mitarbeit an.

Der RWA „Gebietseigens Saatgut“ teilt nicht die Auffassung des VWW bezüglich der Notwendigkeit eines grundlegenden Überarbeitungsbedarfs der RSM Regio. Die Gründe dafür sind vielfältig (s.o.).
Der Durchführung sinnvoller Anpassungen und die grundsätzliche Weiterentwicklung der RSM Regio-Listen steht die FLL – inkl. einer Zusammenarbeit mit dem VWW – jedoch offen gegenüber.

Anm. 29: Die Bedeutung eines Leitfadens für ingenieurbiologische Wildpflanzen-Mischungen wird durch erhebliche fachliche Mängel bei der Artenzusammenstellung, durch Aufblähung der Zahl der Mischungsvarianten, durch unverhältnismäßige Einschränkungen bei der Artenauswahl infolge der Anwendung des sogenannten Artenfilters und durch unangemessene Ausweitung des Bedeutungs­bereichs auf naturschutzfachlich hochwertige Flächen so infrage gestellt, dass wir eine vorgezogene Überarbeitung (nicht erst in 2017) empfehlen.

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