Vorschlag des VWW zur Anpassung der Regioneneinteilung gemäß ErMiV

Am 11.09.2015 bitten wir in einem Brief das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die bisherige Erhaltungsmischungsverordnung zu überdenken, da die Regelung mit 22 Ursprungsgebieten nicht dem Saatgutangebot auf dem deutschen Markt entspricht. Wir schlagen vor, die Definition der Ursprungsgebiete für die nächsten Jahre auf 8 Räume zu reduzieren. Den „Antrag“ des VWW erhalten zur weiteren Diskussion die Länderreferenten für Acker- und Pflanzenbau sowie die jeweils zuständigen Gutachter für Naturschutz und für Saatgutfragen. Dabei trifft unser Anliegen teilweise auf Unverständnis, da es den Anschein hat, als wollte der VWW die kleinräumige Gliederung mit 22 Regionen aufgeben und so dem Naturschutz schaden.

Im Folgenden hierzu einige Erläuterungen:

Wie die Ausbringung von Wildpflanzensaatgut im Hinblick auf räumliche Dimensionen zu regeln ist, ist eine originäre Fragestellung des Naturschutzes. Überraschenderweise sind aber hier die gesetzlichen Vorgaben weitaus weniger konkret als im Saatgutverkehrsgesetz (SaatG), das vor allem den Saatguthandel und das Sortenwesen regelt. Eine Verordnung des SaatG, die Erhaltungsmischungsverordnung (ErMiV), begrenzt den Verkauf von Saatgut auf ein vergleichsweise enges Regionennetz. Saatgut, das innerhalb einer der 22 Regionen (=Ursprungsgebiete) gewonnen wurde, darf auch nur dort oder in die Nachbarregion verkauft werden. Diese Vorgaben betreffen die Arten des SaatG, also alle Arten, von denen es aktuell geschützte Zuchtsorten gibt (= geregelte Arten). Dies sind vor allem Hochleistungsgräser und Leguminosen für Futterzwecke. Leider sind diese Arten auch für Wildpflanzenmischungen vielfach von besonderer Bedeutung. Sie sind in größeren Anteilen in fast allen Wiesenmischungen enthalten und für das „Funktionieren“ der Bestände unentbehrlich.

Diese geregelten Arten werden somit in weitaus größerem Umfang in Wildpflanzenmischungen gebraucht, als die meisten anderen Arten. Hierzu sucht der VWW ständig erfahrene Produzenten, die auf entsprechend großen Flächen die Produktion von Wildgräsern und -Leguminosen wagen. Dennoch ist die Zahl derartig flächenstarker Betriebe wesentlich geringer, als die kleinerer Produktionsbetriebe. Zudem dauert der Aufbau einer großen Gräservermehrung von der Sammlung bis zum Saatgut bis zu 6 Jahre und die neuen Betriebe sind in dieser Zeit am Markt nicht wirksam.

Gängige Praxis war es bisher, Massenarten, wie Rotschwingel, Knaulgras oder Hornklee, in etwas weiterem Radius zu verwenden, sofern örtliche Produktionen nicht zur Verfügung standen und die Naturschutzverwaltung dem entsprach. Es ist uns bewusst, dass für diese Arten hier ein Kompromiss zwischen Produktion und Naturschutz besteht, der aber durch zunehmende Produzentenzahlen immer weiter zugunsten des Naturschutzes verbessert wird. Zudem halten wir die Nachteile für den Naturschutz für gering, da die punktuelle Ausbringung von Saatgut aus Nachbarräumen nur zu vernachlässigbar geringen Einkreuzungseffekten führt und keine erheblichen genetischen Schäden an den lokalen Populationen bewirkt, das Fehlen wichtiger Arten in den Mischungen aber die Stabilität und Biodiversität der Bestände massiv einschränkt.

Die weiteren Gründe für eine Begrenzung der ErMiV auf 8 Räume sind weiter unten im Auszug aus unserem Schreiben an das BMEL noch einmal aufgeführt.

Dagegen ist es wichtig darzustellen, dass im Rahmen unseres Zertifikates „Regiosaaten“ die 22 Regionen als Grundlage für unsere Produzenten unangetastet bleiben. Auch wenn es an der Grenzziehung der Regionen in der Zukunft weitere Verbesserungen geben muss, halten wir eine kleinteilige regionale Gewinnung und Wiederausbringung von Saatgut, die feiner ist als das Netz der 8 Produktionsräume, für den einzig gangbaren Weg. Unsere Initiative hat die Zahl der Vermehrungsbetriebe in den letzten 10 Jahren verdreifacht. Daran eng gekoppelt ist eine weitgehende Transparenz, in der wir für den Handel alle vermehrten Arten bundesweit nach Landkreisen und Regionen online abrufbar stellen. Ohne diese Information bleiben Saatgutofferten für die Kunden unprüfbar! Von unseren Händlern können außerdem zu jeder Art genaue Fundorte, Anbaubetriebe und weitere Daten zur Verfügung gestellt werden.

Inzwischen entscheiden viele Saatgutanwender selbst, aus welcher Region die Arten einer Mischung stammen sollen. In jedem Fall versuchen die Inverkehrbringer beim Zusammenstellen der Mischungen, unter Berücksichtigung der 22 Regionen, die geringsten Distanzen zwischen Herkunft und Ausbringungsort zu ermöglichen. Der VWW steht damit für den größtmöglichen naturschutzfachlichen Nutzen aber natürlich auch für eine ausreichende betriebliche Handhabbarkeit von Regeln und Gesetzen.

Wir bitten alle Verfahrensbeteiligten, den elementaren Fortschritt in der Ausbringung von regionalem Wildpflanzensaatgut gegenüber der bisherigen Ausbringung von Zuchtformen als Ziel im Auge zu behalten und entsprechend das Netz des regionalen Saatgutmarktes zu fördern.

 

Auszug aus dem Antrag des VWW zur Änderung der ErMiV vom 11.09.2015:

Das System der 22 Ursprungsregionen entstammt einer von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) finanzierten Studie der Universität Hannover. Danach sollte Saatgut innerhalb der 22 Ursprungsregionen gewonnen und wieder ausgebracht werden. Da gegenwärtig eine wirtschaftliche Zurverfügungstellung von Saatgut in so kleinen Räumen noch nicht funktioniert, wurden die 22 Regionen zu 8 größeren „Produktionsräumen“ (in denen das Saatgut erzeugt wird) zusammengefasst. Auch hier bestand bereits die Kenntnis, dass die 22 Räume zu klein sind für ein hinreichendes Angebot.

Die erhoffte weitere Regionalisierung des Wildpflanzensaatgutmarktes findet nur langsam statt. Aufgrund 3,5 jähriger Erfahrung mit der ErMiV stellt sich heraus, dass die Verordnung zu massiven Einschränkungen in der Saatgutverwendung führt, da insbesondere Gräser und Leguminosen i.d.R. nur auf Produktionsraumebene zur Verfügung stehen. In der Folge wird die Mischungsvielfalt und damit die Funktionsfähigkeit der Mischungen reduziert oder regionales Saatgut wird vom Kunden vollständig verworfen.

Der gewünschte Steuerungseffekt, nämlich die Förderung regionaler Produzenten, wird durch die Kleinräumigkeit nicht erzielt, da kleine Räume für den Aufbau flächenintensiver Gräserproduktionen nicht lukrativ erscheinen.

Für die Definition von Ursprungsgebieten im Sinne der zugrunde liegenden EU-Richtlinie 2010/60/EU genügen wenige Räume, um den Handel mit Wildformen als Konkurrenz zu Zuchtformen auf den beabsichtigten Zweck, den Erhalt von genetischen Ressourcen, zu begrenzen. Beispielsweise werden in Frankreich trotz größerer Landesfläche nur 11 Ursprungsgebiete ausgewiesen. Diese Gebiete werden auch einheitlich vom Naturschutz als Basis für eine Zertifizierung unterstützt und ließen sich mit den 8 deutschen Produktionsräumen im Sinne einer europäischen Harmonisierung kombinieren (Art.3 der EU-Richtlinie 2010/60/EU). In anderen Mitgliedsstaaten wurden sogar noch großräumigere Gliederungen gewählt.

Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) hat bisher bewusst auf eine Festlegung von Regionen verzichtet, da dies für viele Pflanzenarten unterschiedlich ausfallen würde. Ein Hinweis auf eine Annäherung als Querschnitt für alle Arten wurde bei Wildgehölzen für die freie Natur beispielsweise in der Ausweisung von 6 deutschen Regionen gegeben. Die Naturschutzverwaltungen wie auch der VWW unterstützen zwar eine kleinräumige Differenzierung in Produktion und Handel, sehen aber auch den erforderlichen Kompromiss in einem Anfangsprozess, um überhaupt eine tragfähige Betriebsstruktur aufbauen zu können. Die Festlegung in der ErMiV auf 22 Regionen blockiert damit gerade bei den schwer zu produzierenden Massenarten eine Entwicklung.

Entscheidungen von Naturschutzbehörden, die projektbezogen Mischungen genehmigen, bei denen genetisch kaum differenzierte Arten, wie der Glatthafer (Arrhenatherum elatius), auch aus benachbarten Produktionsräumen enthalten sein dürfen, werden durch die Beschränkung der ErMiV wirkungslos.

Die Bundesländer handhaben die Verwendung von Wildpflanzensaatgut mit individuellen naturschutzfachlichen Vorgaben sehr unterschiedlich. Bundesweite Beschränkungen durch kleinräumige Vorgaben der ErMiV können auch hier zu unerwünschten Konflikten führen.

Die für die Strukturierung der Ursprungsregionen und der Produktionsräume in der ErMiV verwendete DBU – Studie ist nur als eine „Grundlage auf dem Weg zur Abgrenzung praktikabler Herkunftsgebiete“ zu verstehen und stellt keine verbindliche Vorgabe für die Vorgehensweise in Deutschland dar.

Gemessen an der bisherigen Entwicklung von Betriebsstandorten wird es bis 2020, dem verbindlichen Startjahr gemäß BNatschG, kein ausreichendes Produzentennetz geben, um für jedes der derzeit 22 Ursprungsgebiete Saatgut in nur annähernd ausreichender Menge und Vielfalt vorzuhalten. Sollte die ErMiV bis zu diesem Zeitpunkt nicht geändert sein, wird der dann auf breiter Front einsetzende Versuch, regionales Saatgut zu verwenden, massiv von den Vorgaben der ErMiV verhindert. Dies sollte so frühzeitig wie möglich abgewendet werden.

Eine Änderung der ErMiV hin zu 8 Ursprungsgebieten führt für keinen Akteur am Markt zu wirtschaftlichen Einbußen. Alle vorhandenen Saatgutkapazitäten werden bisher vom Markt aufgenommen. Es gibt daher auch keine Standortvorteile einzelner Anbieter. Jeder, der Saatgut produziert, kann sowohl im Rahmen von 8 wie auch von 22 Produktionsräumen seine Produkte vermarkten. Die Beschränkungen durch die ErMiV gelten in jedem Fall für alle Inverkehrbringer. Bisher getätigte Investitionen zur Erschließung der 22 Regionen bleiben dagegen im Sinne der privaten Zertifikate sinnvoll und notwendig.

Wetzlar, 12.10.2015, gez. Markus Wieden