Treffen und Exkursion der Europäischen Wildpflanzenproduzenten (15.-19. Mai 2018)

Ein Reisebericht

von Simone Pedrini
Ein Holländer, ein Franzose und ein Ire besuchen einen deutschen Wildpflanzenvermehrer. Das ist ein guter Anfang für einen Witz, der auf nationalen Stereotypen basiert. Aber wenn den Holländern, Franzosen und Iren die Schotten, Spanier, Dänen, Deutschen, Italiener, Engländer, Schweden, Tschechen, Polen, Schweizer, Österreicher und Portugiesen (auf Krücken) folgen, kann der Witz ein wenig aus der Form geraten. Zudem besuchen sie nicht nur eine Farm, sondern so viele Wildpflanzen-Saatgutunternehmen wie möglich in einem sehr engen Fünf-Tage-Programm quer durch Deutschland und bis in die Schweiz.
Diese internationale Gruppe aus Frauen und Männern sind Wildpflanzenvermehrer aus dem ganzen Kontinent, die ihre blühenden Felder Mitte Mai, in der Hochsaison, verlassen haben, um sich in Deutschland und der Schweiz mit Vermehrern zu treffen, die auch ihre Arbeit liegen lassen, um die Kollgenen willkommen zu heißen und durch ihre Betriebe zu führen.
Die Reise begann südlich von Berlin, im Osten Deutschlands, mit dem Besuch eines gigantischen Tagebaus, und von Gebieten, in denen der Bergbau eingestellt wurde und die Renaturierung im Gange ist. Acht Jahre nach der Ausbringung von Saatgut, Wiesendrusch, Heumulch und Grünheu und nach Pflanzungen gedeiht das Grünland erfolgreich und wird durch die gelungene Wiederansiedlung der bedrohten Art Pfingstnelke unterstrichen.

 Dianthus gratianopolitanus

Dianthus gratianopolitanus

Dann gelangte die Gruppe in das Dorf Dissen-Striesow, eine faszinierende Gemeinschaft slawischer Herkunft (Sorbisch), die sich vor mehr als tausend Jahren in diesem ländlichen Teil Ostdeutschlands und Westpolens niederließ und ihre kulturelle Identität und Sprache bewahren konnte. Vor dem gleichen kulturellen Hintergrund arbeitet die Firma Nagola Re, die seit kurzem neben der Renaturierung und ökologischer Beratung auch eine einheimische Saatgutproduktion betreibt. Die ansteckende Begeisterung und echte Leidenschaft für Wildpflanzen ihrer Managerin Christina Grätz wurde deutlich, als sie die internationalen Besucher stolz durch die brandneuen Anlagen und bunten Wildblumenteppiche führte.

Besichtigung bei Negola Re

Dann ging es weiter in Richtung Süden nach Lommatsch in Sachsen, wo Gert Harz, ein konventioneller Acker- und Gemüsebauer, seine Produktion auf Wildsaatgut umgestellt hat. Das Ergebnis sind beeindruckend große Flächen mit einheimischen Gräsern und Kräutern, die sich atemberaubend in grünen, rosa, blauen und gelben Streifen über die sanften Hügel der ländlichen sächsischen Landschaft ziehen.

Besuch bei Gert Harz in Sachsen

Die Gruppe setzte ihren Weg nach Süden fort und besuchte den Hof Freundt & Mohr in Wirsberg und dann das Energiezentrum der deutschen Wildsaatgutproduzenten Rieger-Hoffman in Blaufelden. Das Unternehmen begann vor 35 Jahren mit der Produktion von Wildsaatgut und ist heute das Hauptvertriebszentrum für gebietseigenes Saatgut im Land. Die sehr gut organisierte Saatgutaufbereitung und -logistik ermöglicht die Trennung der Saatgutpartien nach Herkunft, so dass sie in die entsprechenden Regionen verkauft und dort wieder eingesetzt werden können.

Teilnehmer der Gründungstreffens „European Native Seed Producers Association (ENSPA)“

Hier war der perfekte Ort, um mit den Produzenten aus dem ganzen Kontinent darüber zu diskutieren, wie man die Gründung eines Europäischen Wildsaatgut-Anbauverbandes „European Native Seed Producers Association“ vorantreiben kann. Obwohl jedes Unternehmen wohl mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert ist und der Entwicklungsstand des Marktes für Wildfplanzensaatgut in den europäischen Ländern sehr heterogen ist, war es einhelliger Konsens, einer kontinentweiten Vereinigung beizutreten. Der Ursprung dieser Entscheidung ist das gemeinsame Ziel, die biologische Vielfalt durch die Erzeugung und Bereitstellung von Saatgut geeigneter Herkunft und Qualität zu erhalten. Angesichts des lokalen Charakters jeder Produktion ist der direkte Wettbewerb zwischen den Unternehmen sehr begrenzt, was eine engere Zusammenarbeit, Wissensaustausch, Projektpartnerschaften und eine bessere Interessensvertretung ermöglicht. Allen Teilnehmern war dabei klar, dass die Stärke einer vereinten Gruppe größer ist als die Summe ihrer Teile.

Die internationalen Gäste „erfühlen“ eine artenreiche Wiese in der Schweiz

Die Reise Richtung Süden führte nach Winterthur in der Schweiz. Hier wurden sie vom Graslandguru und vielseitigem einheimischen Saatgutproduzenten, Landwirt, Erfinder, Flieger, Brennnesselliebhaber (… und mehr), Johannes Burri, begeistert aufgenommen. Er führte die Teilnehmer durch die UFA SAMEN-Anlage. Die UFA ist eine Genossenschaft von Schweizer Landwirten, die mit allen Arten von Nutzpflanzen, Gemüse, Futtermitteln und Rasensamen handelt und über eine eigene Abteilung verfügt, die sich ausschliesslich den Wildarten widmet. Die Schweiz ist wie Deutschland in verschiedene Herkunftsregionen unterteilt, jedoch sind nicht alle Arten gleich verteilt. Einige Arten, die recht homogene morphologische und phänologische Merkmale aufweisen, werden in größeren Gebieten gesammelt, vermehrt und genutzt, während Arten mit unterschiedlichen regionalen Merkmalen in kleineren Teilgebieten behandelt werden.

Dann ging es zurück nach Deutschland zum letzten Abschnitt dieser langen und erlebnisreichen Reise, nach Freising bei München, der Heimat der ältesten Brauerei der Welt. Johann Krimmer, der bedeutendste bayerische Wildpflanzen-Saatgutproduzent, führte mit Stolz die staunenden Besucher durch seine riesigen Produktionsfelder, seine makellosen Verarbeitungs- und Lagermöglichkeiten und seine hochgradig organisierte Logistik, in der er über jahrzehntelange Erfahrung verfügt.

Lager auf dem Betrieb von Johann Krimmer

Als die verbliebenen Teilnehmer ihre Abschiedsgrüße und besten Wünsche vor dem Bahnhof austauschten, erfüllte das anhaltende Gefühl, dass etwas Größeres im Entstehen war, die Luft. Jeder von ihnen nimmt eine Fülle von Informationen mit nach Hause, z.B. über das Management von Produktionsflächen, über Unkrautbekämpfung, Erntemaschinen und -methoden, Saatgutaufbereitungssysteme und unzählige Tricks zu jedem Produktionsschritt. Aber noch mehr als das, ist das beruhigende Bewusstsein, Kollegen und Freunde auf dem ganzen Kontinent zu haben, die die Probleme und das Ringen rund um die Wildpflanzenproduktion verstehen und wissen, wir wir uns gegenseitig helfen können und dazu auch bereit sind. Diese inspirierende Reise erfüllte die Teilnehmer mit der Motivation, nach Exzellenz in der Produktion von gebietseigenem Wildpflanzensaatgut zu streben und weckte die Idee, dass ein lebensfähiger und florierender Wildsaatgutmarkt nicht nur möglich, sondern sogar in Reichweite ist, unabhängig davon, aus welchem Land des Kontinents man kommt.

Tragopogon pratensis ragt aus einem Feld von Silene dioica in Freising