VWW - Verband deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten e.V.

Was ist Wildsaat- und Wildpflanzgut?

Als Wildpflanzen werden alle wildwachsenden (spontan auftretenden) Pflanzenarten unserer Umwelt bezeichnet. Die Mehrzahl der wildwachsenden Arten kommt bei uns seit Jahrtausenden oder Jahrhunderten vor. Wildpflanzen sind nicht durch menschliche Züchtung entstanden oder durch den Menschen mit Hilfe gezielter Auslese, Kreuzung oder andere genetische Verfahren bewusst verändert worden.

Wildsaatgut sind damit Samen heimischer Wildpflanzen, Wildpflanzgut sind daraus gezogene Pflanzen für den Pflanzeinsatz.

Wann sind Wildpflanzen Regiosaaten?

Aus Naturschutzsicht sollten der Herkunftsort des Ausgangssaatguts und der Verwendungsort möglichst ähnlich und benachbart sein. Das Saatgut ist dann „gebietseigen“. Gebietseigene Pflanzen sind an die örtlichen Gegebenheiten, die sogenannten Standortfaktoren, angepasst. Solange der Wildpflanzenmarkt erst im Aufbau ist, kann nur in Teilgebieten gebietseigene Ware angeboten werden. Das von uns zertifizierte Saatgut solcher Qualität nennen wir VWW-Regiosaaten®. Aber auch außerhalb der Herkunftsregion ist zertifiziertes Wildsaatgut häufig eine bessere Alternative als die Ausbringung von Zuchtformen oder Herkünften aus anderen Ländern. Saatgut solcher weit entfernten Herkünfte oder weit entfernter Vermehrungsflächen, z.B. Wiesenschafgarbe (Achillea millefolium) aus Australien, sind nicht für den Einsatz in der freien Landschaft geeignet. Genetische Unterschiede, fehlende Prüfbarkeit der Herkünfte und extreme Selektionen im Nachbau sind wichtige Gründe für den Ausschluss solcher Ware.

Kontra Zuchtformen und Neophyten

In Deutschland werden jedes Jahr in großem Umfang (mehrere tausend Tonnen!) züchterisch entwickelte Grassorten zur Begrünung in der freien Landschaft ausgebracht, z.B. Wiesenknauelgras (Dactylis glomerata) oder Deutsches Weidelgras (Lolium perenne). Zuchtformen können in der freien Landschaft mehrere Generationen überleben oder sich sogar etablieren. In diesem Fall werden sie durch einen Anpassungsprozess zu einem konkurrenzfähigen Teil ihres Ökosystems. Sie können sich dabei in der Regel mit „wilden“ Herkünften derselben Art kreuzen und damit die ursprüngliche Entwicklung der bereits vorhandenen Wildformen nachteilig beeinflussen oder sogar verhindern (Vgl. z.B. Artikel von Frank & John).

Das Einschleppen gebietsfremder Arten bedroht weltweit viele Ökosysteme. Viele Neophyten haben ihren Weg zu uns als Verunreinigung von Saatgut, das aus anderen Ländern oder Kontinenten stammt, gefunden. Einige neu nach Deutschland eingeschleppte Arten entwickeln sich zum Teil besser als alle heimischen Arten am selben Standort und verdrängen diese. Die Botaniker nennen sie „invasive Neophyten“, z.B. Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) oder Sachalinknöterich (Polygonum sachalinense). Solche Arten werden in unseren Betrieben nicht für die Saatgutproduktion verwendet (siehe hierzu die Seite des Bundesamtes für Naturschutz).

Unser Produktionsweg – Aus der Natur für die Natur

Sammeln (Foto: E. Tomat) Anbau auf Bändchengewebe, Wetzlar (Foto: A. Guth, 2004) Saatgut, Drusch und Reinigung (Foto: J. Rieger, 2006)

An reifen Wildpflanzenbeständen in der freien Natur wird regional das Ausgangssaatgut für den späteren Einsatz zur Begrünung gewonnen. Die meist von Hand gesammelten Erntemengen in der freien Natur werden stets so gering gehalten, dass die lokale Population nicht beeinträchtigt wird

Mit dieser Wildernte wird häufig eine Vermehrungskultur aufgebaut, auf der gelegentlich ein noch größerer Feldanbau begründet wird. Zumeist erfolgt die Vermehrung mit modernen landwirtschaftlichen Verfahren, in kleineren Produktionsflächen können aber auch gärtnerische Kulturen mit viel Handarbeit sinnvoll sein. In einigen Betrieben ist der Produktionsablauf auch nach den Regeln des Biologischen Landbaus anerkannt.

Um die genetische Verengung im Anbau zu minimieren, wird der Nachbau auf wenige Generationen begrenzt.

Nach der Ernte wird das Saatgut gereinigt und gekühlt bis zur Aussaat bei geeigneten Temperaturen gelagert.

Informieren Sie sich über Details der Produktion, z.B. auf den Tagen der offenen Tür bei einigen unserer Mitgliedsfirmen oder sprechen Sie einzelne Firmen gezielt an (vgl. Liste der Produzenten). Hinweise für größere Vorhaben erhalten Sie auch in der Geschäftsstelle des Verbandes.

Anwendungsbeispiele

Im öffentlichen Grün in Siedlungen für

Im Privatgarten

In der freien Landschaft

Verwendung finden Wildpflanzen und –samen in nahezu allen Bereichen der Landschaft, auch im besiedelten Bereich. Der Haupteinsatzbereich liegt in der freien Landschaft zur Begrünung von neu gestalteten Flächen (z.B. Straßenböschungen, Baurandflächen, Halden, Rekultivierungsflächen).

Hinzu kommt die Anlage artenreicher Stauden- oder Grünlandbestände als Ausgleichs- oder Ergänzungsflächen für den Naturschutz. Besonders prächtige heimische Arten sind im Gartenbereich oder in gepflegten Parkanlagen gefragt. Als gestalterische Elemente werden Wildpflanzen in Repräsentations- oder Verkehrsbegleitflächen immer häufiger im innerstädtischen Bereich verwendet.

In vielen Projekten steht auch eine Förderung der Vielfalt heimischer Tierarten in ausgeräumten Landschaften im Vordergrund. Artenreiche Bestände erhöhen den Naherholungswert einer Landschaft, da sie immer reicher an Farben und über den Sommer mit wechselnden Blühaspekten ausgestattet sind als Futterwieseneinsaaten (z.B. Bienensäume, Schmetterlingsmischungen, Wildackeransaaten, Hochstauden an Gewässerrändern).

Aussaat und Erfolg

Wildpflanzenansaaten sind i.d.R. langsame aber erfolgreiche Begrünungsverfahren. Je besser die Pflanzen an die herrschenden Bedingungen angepasst sind, desto eher wird die Begrünung dauerhaft erfolgreich sein.

Grundsätzlich ist es sinnvoller und kostengünstiger, die Saatmischung dem Standort anzupassen als komplizierte Bodenverbesserungen vorzunehmen. Unser Anliegen sind hohe Etablierungsraten der angesäten Arten (möglichst über 70% schon in den ersten drei Jahren), auch bei 30 bis 50 verschiedenen Mischungspartnern.

Gegenwärtig ist Saatgut von einigen hundert Pflanzenarten im Handel erhältlich. Die Samen von Nutz- und Zierpflanzensorten, einschließlich Rasengräsern unterscheiden sich wesentlich von ihren Wildformen durch selektierte und genetisch fixierte Eigenschaften. Kulturformen sind auf ein bestimmtes Ziel hin ausgelesen worden, z.B. hoher Ertrag, auffällige Blüte und vor allem durch Homogenität. Dabei gehen andere Eigenschaften, wie die Anpassungsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen, oder das Vermögen in Pflanzengesellschaften verschiedener Arten zu existieren, häufig verloren. Genau diese Eigenschaften zeichnen Wildpflanzen aus. Die wilden Arten sind den spezifischen Bedingungen einer Region, in der sie natürlich vorkommen, optimal angepasst, während Kulturformen den Bedingungen einer intensiven Nutzung durch den Menschen in der Landwirtschaft, in Gärten, auf Sportplätzen oder intensiv gemähten Rasen genügen. Andere „Belastungen“ wie Nährstoffarmut, Wassermangel oder Hitzestress, die beispielsweise für viele Rohböden typisch sind, werden eher von standortangepassten Wildpflanzenarten „ertragen“. Wild- und Kulturformen besitzen somit unterschiedliche Einsatzbereiche.

Zudem ist die richtige Ansaattechnik für das Gelingen von großer Bedeutung. Ein häufiger Fehler ist, dass das Saatgut zu tief im Boden abgelegt wird. Das Saatgut sollte flach abgelegt und leicht mit Erde überdeckt werden. Schon bei 1 cm Überdeckung kann in manchen Fällen ein Großteil des Saatgutes nicht zur Keimung kommen. Wichtig ist ein Anwalzen nach der Ansaat, auch ein zusätzliches Walzen vor der Ansaat ist förderlich für den Aufgang. Weitere Infos zur Bodenvorbereitung, Aussaatzeit und Pflege erhalten Sie bei unseren Mitgliedsbetrieben.

Die Methoden der Saatgutausbringung sind vielfältig und primär von den Standortbedingungen abhängig. Neben der klassischen Handansaat (geeignet für Kleinflächen) bieten sich maschinelle Aussaatverfahren auf befahrbaren Flächen bis hin zur Anspritzbegrünung an Böschungen und Mulchdecksaaten in erosionsanfälligen Lagen. Dabei können unterschiedliche Hilfsstoffe den Ansaaten zugemischt werden (z.B. Kleber, Füllstoffe, Mulch).

Letztlich spielt natürlich auch das Wetter eine entscheidende Rolle. Sie sollten z.B. Ansaaten im Sommer vermeiden, da trocken-warme Witterung nach der Keimung zu erheblichen Ausfällen führen kann. Klassische Ansaattermine für Grünland sind in Deutschland August bis Oktober und Februar bis Mai. Abweichungen davon sind je nach Arten und Standort möglich.

Historisches

Der Anbau von züchterisch unveränderten Wildpflanzen hat in Mitteleuropa bereits eine lange Tradition, wie sie beispielsweise aus den Anlagen der Klostergärten dokumentiert ist. Allerdings lag die Blickrichtung früher auf der Gewinnung von Heil- und Gewürzpflanzen und nicht auf dem Erhalt der heimischen Flora. Unter den angebauten Arten fanden sich zahlreiche Wildpflanzen, z.B. Klostergarten der ehemaligen Benediktinerabtei Seligenstadt (Foto H. Mänicke, Juli 1991) Wiesenknöterich (Bistorta officinalis) und Färberginster (Genista tinctoria). 1893 waren in Deutschland 618 ha offiziell als Arznei- und Gewürzpflanzenanbaufläche gemeldet (Bomme 1984). Bereits vor dem zweiten Weltkrieg gab es einige größere Firmen, die Heilpflanzen für einen wachsenden pharmazeutischen Markt produzierten, z.B. „Müller Göppingen“, „Dr. Madaus & Co“. Einer der größten Saatgutproduzenten heimischer Pflanzen war noch bis in die 1970er Jahre die Fa. Blauetikett Bornträger. Allerdings steckte auch in dieser Zeit die Vermarktung von Wildpflanzen zur Begrünung noch in den Kinderschuhen.

Erst zu Beginn der 1980ger Jahre stieg neben den pharmazeutischen Verwendungen auch die Nachfrage an Saatgut für Einsaaten in der freien Landschaft durch eine verbesserte Naturschutzgesetzgebung, so dass spezialisierte Wildpflanzen-Saatgutbetriebe entstanden, z.B. die Fa. Appel (heute Appels Wilde Samen).

Zur Zeit produzieren schätzungsweise 40 bis 60 landwirtschaftliche Betriebe im Haupt- und Nebenerwerb Saatgut- und Pflanzgut von krautigen Wildpflanzen in Deutschland, nur ein Teil davon mit eigener Vermarktung; eine weitere Zahl von Gehölzvermehrern ist hier hinzuzurechnen.

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Letzte Aktualisierung: 7. Juli 2010